Mein eigener Arzt

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Quelle: geralt, pixabay.com

Man kennt das ja als Schmerzpatient: nach dem Arztbesuch ist vor dem Arztbesuch. Immer auf der Suche nach Heilung oder – in einem späteren Stadium und nach Abzug aller Illusionen – nach Linderung der Schmerzen. In der Yellow Press als auch in der Fachpresse werden hierfür gerne Begriffe wie „Odyssee“ oder „von Pontius zu Pilatus“ verwendet.

Die Ärzte, die ich kenne, sind wirklich gut. Sie sind das, was man gemeinhin als „Koryphäe“ bezeichnet – in ihrem Fachgebiet. Und genau da liegt die Krux. Wenn die Ärzte in ihrem Fachgebiet alles getan haben und es darum geht nach links und rechts zu schauen, scheitern sie – sei es aus Zeitmangel, Unwissenheit oder schlicht an ihrem Ego.

Wenn dieser Punkt erreicht ist, werden viele Patienten das, was sie ohnehin für viel zielführender halten: ihr eigener Arzt. Auch mir geht es oft so, dass ich sage: „Ich kenne meinen Körper doch am besten.“ Also handele ich – hinter dem Rücken des Facharztes – und wähle andere Anlaufstellen, von denen ich mir Hilfe, Beratung und vielleicht sogar Heilung erhoffe. Andere Patienten suchen im Internet nach Lösungen, googeln stundenlang, finden immer neue Diagnosen, die vielleicht überhaupt nichts mit ihrem Problem, nämlich ihren Schmerzen, zu tun haben.

All das müsste nicht sein, wenn es entweder einen Facharzt für Schmerzmedizin gäbe oder zumindest eine bessere Vernetzung fachgebietsübergreifend. Der Schmerz ist traditionell ein Gebiet, auf das sich Ärzte vieler verschiedener Fachgebiete stürzen. Immer wieder sind Fachgebietsrangeleien zu beobachten, insbesondere die Anästhesisten halten den Schmerz für ihre Domäne. Eine eindimensionale, fachgebietsbezogene Schmerztherapie hilft aber nicht weiter. Selbst wenn der Patient von drei oder vier Fachdisziplinen angesehen wird, dann aber die Ärzte untereinander nicht kommunizieren, ist das alles umsonst – aber alles andere als kostenlos.

Raus aus den Silos: Schmerz hält sich nicht an Fachgebiete

Schmerzmedizin erfordert funktionell-orthopädische, neurologische, psychosoziale, psychiatrische und anästhesiologische Kompetenzen. Die wenigen bestehenden multimodalen, multiprofessionellen Netzwerke können eine flächendeckende
schmerzmedizinische Versorgung in Deutschland nicht gewährleisten. Schmerzexperten fordern deswegen einen Facharzt für Schmerzmedizin.

Die schmerzmedizinische Versorgung in Deutschland übernehmen derzeit Hausärzte, Fachärzte, Klinikambulanzen und teil- bzw. vollstationäre schmerzmedizinische Einrichtungen an Krankenhäusern. Ärzte ohne spezielle Schmerzqualifikation werden dabei unterstützt durch rund 1.000 niedergelassene Haus- und Fachärzte mit der Zusatzbezeichnung „Spezielle Schmerztherapie“, die an der Qualitätssicherungs-(QS-)-vereinbarung Schmerztherapie nach § 135 SGB V aus dem Jahr 2005 teilnehmen, von denen etwa 400 eine ausschließliche Schmerzversorgung anbieten. Schmerztherapeutisch qualifizierte Fachärzte bewegen sich allerdings immer innerhalb der Grenzen ihrer Fachgebiete. So kann ein Neurologe keine anästhesiologische Schmerzmedizin leisten und abrechnen, und ein Anästhesist keine funktionelle Diagnostik. Für PD Dr. med. Michael Überall, Präsident der Deutschen Schmerzliga e.V. (DSL), ein hausgemachtes Problem: „Unsere Versorgung ist zu standardisiert. Jeder Arzt macht innerhalb seines Fachgebiets das Bestmögliche, aber eben nach ,Katalog’. Hat der Patient weiterhin Beschwerden, reicht er ihn weiter. Bleiben die Beschwerden immer noch, wird der Patient psychologisiert. Jeder Patient ist individuell und braucht daher eine individuelle Versorgung.“

Hier die  Microsoft Word – Gesundheitsnachrichten KW 03_2016 der Deutschen Schmerzliga e.V. mit der gemeinsamen Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) und des Berufsverbands der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland e.V. (BVSD).

Schmerzhafte Verwirrung

Gestern startete der Deutsche Schmerzkongress 2015 in Mannheim. Veranstalter: Die Deutsche Schmerzgesellschaft (DGSS) sowie die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG).

Unter den Schmerz-Fachgesellschaften gibt es weiter extrem unterschiedliche Auffassungen mit Blick auf die Einführung eines Facharztes für Schmerzmedizin. Dieser Facharzt wird seit Jahren vom Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS), Dr. Gerhard Müller-Schwefe, gefordert.

Sowohl Professor Andreas Straube, Präsident der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, als auch der Tagungspräsident des Schmerzkongresses, Professor Martin Marziniak aus München, lehnten Müller-Schwefes Forderung bei einem Pressegespräch ab.

Käme dieser „Allgemeinmediziner des Schmerzes“, dann hätte das fatale Konsequenzen, warnte Straube: „Die Interdisziplinarität der Schmerztherapie, für die wir kämpfen, wäre dann tot!“

Quelle: Andreas Hermsdorf, pixelio.de
Quelle: Andreas Hermsdorf, pixelio.de

Ein Kommentar von Christoph Fuhr aus der Ärzte Zeitung von 15. Oktober 2015, der mir aus der Seele spricht:

„Zwei Kongresse, zwei völlig unterschiedliche Botschaften. Eine bessere Versorgung für Schmerzpatienten wird gebremst, weil es immer noch zu viele Orthopäden, Anästhesisten, Neurologen, Psychiater und Psychologen gibt, die sich an ihre Pfründe klammern und die Fachkompetenz für Schmerz ausschließlich für sich selbst reklamieren.

Deshalb muss dringend der Facharzt für Schmerz kommen. Das war die Botschaft beim Deutschen Schmerztag im März in Frankfurt am Main. Beim Deutschen Schmerzkongress, der am Mittwoch in Mannheim begonnen hat, hörte sich das völlig anders an.

Wenn dieser „Allgemeinarzt des Schmerzes“ komme, sei dies der Tod der Schmerztherapie, die auf einen interdisziplinären Ansatz setzt. Ja, was den nun?

Im Kern geht es hier um zwei völlig unterschiedliche Konzepte, die zugleich fundamentale Auswirkung auf Versorgungsstrukturen haben. Dass Fachgesellschaften unterschiedliche Auffassungen vertreten und sich auch mal trefflich streiten, ist völlig legitim und muss in der Regel nicht überbewertet werden.

Beim Thema Facharzt für Schmerz allerdings ist lange genug diskutiert worden. Die Beteiligten sollten endlich in die Gänge kommen und einen Konsens finden. Klappt das nicht, wird es am Ende nur einen Verlierer geben: der Schmerzpatient lässt grüßen.“