Atypischer Gesichtsschmerz

In Abgrenzung zur Trigeminusneuralgie wird ein Gesichtsschmerz als atypischer Gesichtsschmerz bezeichnet, wenn nicht die Diagnosekriterien einer Neuralgie (Nervenschmerz) erfüllt sind. Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft wählte dafür die Bezeichnung „idiopathischer anhaltender Gesichtsschmerz“, der sich jedoch noch nicht vollständig durchgesetzt hat. Der Wortteil „idiopathisch“ bedeutet dabei, dass die Ursache nicht bekannt ist. Vom atypischen Gesichtsschmerz sind Frauen häufiger betroffen als Männer. Es handelt sich überwiegend um eine Erkrankung des mittleren und höheren Lebensalters. Die Schmerzen sind im Gesicht häufig im Bereich des Oberkiefers oder unterhalb des Auges zu finden. Typischerweise können die Betroffenen keine ganz exakte räumliche Zuordnung des Schmerzes angeben bzw. werden die Beschwerden als etwas wechselnd in ihrer räumlichen Ausdehnung angegeben. Es handelt sich meist um einen dumpfen, drückenden und in der Tiefe nicht genau einzugrenzenden Schmerz. In aller Regel ist das Berührungsempfinden im Gesicht ungestört. Gelegentlich besteht eine Überempfindlichkeit im betroffenen Schmerzbereich. Da der Schmerz in der Tiefe und dumpf lokalisiert ist, suchen die Betroffenen häufig Hals-Nasen-Ohren- und Zahnärzte auf. Nicht selten werden Zähne gezogen (Zahnextraktionen), zahnärztlichen Restaurationsarbeiten oder HNO-ärztliche Eingriffen an den Nasennebenhöhlen durchgeführt. In aller Regel ist hierdurch keine Verbesserung der Symptomatik zu erreichen. Unter der irrtümlichen Annahme, dass sich eine Ursache der Beschwerden aufdecken und behandeln ließe, werden solche Behandlungen dann oftmals erfolglos wiederholt. Tatsächlich ist es jedoch so, dass in dieser Situation jeder weitere Eingriff zur Chronifizierung des Schmerzbildes und zur Ausbreitung der Beschwerden beitragen kann. Eine psychotherapeutische Mitbehandlung kann hier wichtig sein. Frustration über erfolglose Ursachensuche und fehlgeschlagene Behandlungen, die mit Schmerzen und Kosten einhergehen, führen häufig dazu, dass die Patienten ratlos, mutlos oder depressiv verstimmt werden. Psychische Begleitbeeinträchtigungen, wie Depressionen und Angststörungen sind beim atypischen Gesichtsschmerz allerdings genauso häufig anzutreffen wie bei anderen Schmerzerkrankungen.

Die Behandlung von atypischem Gesichtsschmerz und atypischem Zahnschmerz (Odontalgie) besteht nach sorgfältigem Ausschluss anderer Erkrankungen aus einer Aufklärung des Patienten über die eigentlich harmlose Erkrankung, die sich häufig im Zeitverlauf auch wieder zurückbildet. Um einer Chronifizierung nicht Vorschub zu leisten, sollten operative Eingriffe unterbleiben. Nach einer sorgfältigen Aufklärung der Betroffenen kann eine Behandlung mit beispielsweise einem trizyklichen Antidepressivum erfolgreich sein. Unterstützend können Massage, Kälte- oder Wärmeanwendungen im Gesicht sowie andere manuelle Verfahren hilfreich sein. Eine zusätzlich bestehende Depression oder Angststörung sollte gezielt medikamentös oder psychotherapeutisch behandelt werden. Häufig handelt es sich bei den Patienten mit atypischem Gesichtsschmerz um Betroffene, deren Erkrankung über Jahre chronifiziert ist, so dass es schwierig sein kann, auch mit einem multimodalen Behandlungsprogramm erfolgreich zu sein. Sinnvoll ist die Kombination aus medikamentöser Therapie, Entspannungsverfahren (z.B. progressive Muskelrelaxation nach Jakobson) und Ausdauersport sowie eine gezielte psychotherapeutische Mitbetreuung bei hohen psychosozialen Belastungen.

Quelle: Deutsche Schmerzgesellschaft e.V.

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