Diese Dinge kennst du nur, wenn du eine chronische Erkrankung hast

Young woman is standing and looking out the window, Quelle: Getty Images

Dieser sehr empathische Artikel vom 29. November 2017 erschien ursprünglich in der HuffPost US und wurde von Martina Zink (HuffPost Deutschland) aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet.

„Ich habe diesen Artikel geschrieben um, die Menschen aufzuklären, die mehr über chronische Erkrankungen wissen möchten.

Er ist aus meiner Perspektive geschrieben – als Ärztin, die für viele Jahre Patienten mit chronischen Erkrankungen behandelt hat und als jemand, der selbst fünf Jahre seines Lebens wegen chronischer Erkrankung ans Bett gefesselt war.

Ich möchte darauf aufmerksam machen, damit Freunde, Familie, Arbeitgeber, Kollegen und Therapeuten chronische Krankheiten besser verstehen können.

Meine Hoffnung ist es, dass dadurch Beziehungen gestärkt und Missverständnisse reduziert werden und es zur Besserung des Gesundheitssystems beiträgt.

Chronische Erkrankungen sind oft unsichtbar

Chronische Erkrankungen sind Krankheiten, Zustände oder Verletzungen, die Jahre oder sogar ein Leben lang anhalten können. Normalerweise sind sie auch nicht heilbar – in manchen Fällen können sie aber nachlassen.

Das Ausmaß kann ganz unterschiedlich ausfallen. Es gibt Betroffene, die immer noch arbeiten gehen können und ein aktives oder ein anscheinend „normales“ Leben führen können. Andere wiederum sind sehr krank und sind durch die Krankheit ans Haus gebunden.

Die meisten Menschen mit einer chronischen Erkrankung haben eine unsichtbare Krankheit. Der Großteil der Symptome ist nicht sichtbar, was dazu führen kann, dass es an Verständnis und Unterstützung von Ärzten, Familie, Freunden und Kollegen mangelt.

1. Niemand möchte sich krank fühlen

In all den Jahren, in denen ich als Ärztin Patienten mit chronischen Krankheiten behandelt habe, habe ich nie jemanden getroffen, der krank sein wollte und nicht alles dafür getan hätte, dass es ihm besser geht.

Patienten haben verzweifelt nach Antworten und Behandlungen für ihre erdrückenden Symptome gesucht.

2. Viele Ärzte verstehen chronische Krankheiten nicht

Viele Jahre waren Ärzte der falschen Annahme, dass einige chronische Erkrankungen durch Depressionen oder Angststörungen hervorgerufen werden und die einzige Behandlung für diese Patienten war psychiatrische Versorgung.

➨ Mehr zum Thema: Die Ursache von Depressionen geht auf fünf Erfahrungen aus der Kindheit zurück

Trotz medizinischer Befunde, die diese Annahmen widerlegen, gibt es immer noch Ärzte, die in ihren Meinungen festgefahren sind und chronische Erkrankungen nicht wirklich verstehen oder wie sie diese angemessen behandeln sollen.

Daher verbringen Patienten häufig sehr viel wertvolle Zeit damit, einen Arzt zu finden, der ihre Krankheit versteht und ihnen geeignete Behandlungsmöglichkeiten anbieten kann – während ihre Symptome immer schlimmer werden.

3. Nicht im Stande zu sein zur Arbeit zu kommen, heißt nicht, dass man Urlaub macht

Diejenigen, die aufgrund chronischer Erkrankung nicht arbeiten können, machen keinen „Urlaub“.

Stattdessen kämpfen sie jeden Tag mit den einfachsten Aufgaben: aus dem Bett kommen, sich anziehen, kochen, baden etc. Sie müssen oft zu Hause bleiben, da sie zu krank sind, um das Haus zu verlassen, außer für Arzttermine.

Musstest du schon mal für ein paar Tage im Haus bleiben, wegen schlechtem Wetter oder einem vorübergehenden Gesundheitsproblem? Erinnerst du dich daran, wie nervig es ist, nicht nach draußen gehen zu können und etwas zu unternehmen?

Jetzt stelle dir vor für Wochen oder Monate das Haus nicht verlassen zu können. Frustrierend, oder?

4. Chronische Erkrankungen können viele Emotionen auslösen

Eine Chronische Krankheit kann den biochemischen Aufbau des Stimmungs-Kontrollzentrums im Gehirn verändern. Zusätzlich können die folgenden Frustrationen die Laune beeinflussen und zu Depressionen und/ oder Angststörungen führen:

  • Das Warten auf/ Suchen einer Diagnose
  • Die Unfähigkeit zu Arbeiten und sich produktiv zu fühlen
  • Veränderung in der Familendynamik
  • Verlust sozialer Interaktionen und Isolation
  • Finanzielle Probleme
  • Der Kampf mit den Symptomen umzugehen und alltägliche Aufgaben zu meistern

Menschen mit chronischen Krankheiten fühlen oft einen großen Verlust. Es ist nicht unüblich einige oder alle Phasen der Trauer zu durchleben (Nicht-wahrhaben-wollen, Wut, Verhandeln, Depression, Akzeptanz).

Sie trauern um das Leben, dass sie einst hatten. Sie trauern um das Leben, das sie jetzt ertragen müssen. Sie trauern um das Leben, dass sie sich eigentlich erträumt hatten.

Viele chronisch Erkrankten fühlen sich auch häufig isoliert. Obwohl sie sich soziale Interaktionen wünschen, machen es ihre Symptome nicht leicht und manchmal sogar unmöglich überhaupt am Telefon zu reden, eine E-Mail oder einen Facebook-Post zu schreiben.

5. Die Symptome chronischer Krankheiten sind sehr komplex

Die Symptome, die den meisten Betroffenen widerfahren, variieren abhängig von der Krankheit.

Allerdings sind viele von ihnen von diesen Symptomen betroffen: extreme Müdigkeit, Schmerzen, Kopfschmerzen, Bewusstseinstrübung, Übelkeit und/ oder Schwindel.

Es ist nicht unüblich, dass diese Symptome kommen und gehen – manchmal von Stunde zu Stunde. Unternehmungen zu planen, kann dadurch sehr schwer werden.

Ein „guter Tag“ für Menschen mit chronischer Erkrankung wäre für andere vermutlich ein Krankheitstag.

6. Erschöpfung durch chronische Krankheiten ist viel mehr als einfach nur „müde sein“

Erschöpfung und Müdigkeit ist ein gängiges Symptom und in vielen Fällen ist es akut und sehr kräftezehrend. Es kann durch einfache Aktivitäten oder umfangreiche Ereignisse ausgelöst werden, wie zum Beispiel Reisen.

Betroffene müssen oft „dafür zahlen“ um an Unternehmungen teilnehmen zu können, in dem sie sich dann für Tage, Wochen oder sogar Monate davon erholen müssen.

Sie müssen sich vielleicht auch oft ausruhen und in letzter Minute Verabredungen absagen. Das heißt nicht, dass sie faul sind, oder Aktivitäten vermeiden wollen.

Wenn die Erschöpfung eintritt, gibt es keine andere Möglichkeit, als sich auszuruhen. Es ist, als ob der Körper „gegen eine Wand rennt“ und nicht weiter kann, egal was er versucht.

Für ein besseres Verständnis der Erschöpfung und eingeschränkten Energie eines chronisch kranken Menschens, kann man hier einen hilfreichen Artikel über die „Löffel Theorie“ lesen.

Musstest du schon mal für mehrere Tage im Bett bleiben, wegen einer Erkältung, Operation oder einem Klinikaufenthalt? Erinnere dich, wie sich das angefühlt hat. Du konntest kaum vom Bett aufstehen und jede kleine Tätigkeit war anstrengend.

Und jetzt denke darüber nach, wie es sich anfühlen muss, sich jeden Tag, den ganzen Tag so zu fühlen – über Monate oder Jahre hinweg.

7. Schmerz ist ein häufiges Symptom von chronischer Erkrankung

Bei chronisch Erkrankten tritt oft ein anhaltender Schmerz auf, einschließlich Kopfschmerzen, Gelenkschmerzen, Muskelschmerzen, Nervenschmerzen, Rückenschmerzen und/ oder Nackenschmerzen.

➨ Mehr zum Thema: 23 Mio. Schmerzpatienten gibt es: Ihre Versorgung ist lückenhaft – was sich ändern muss

8. Bewusstseinstrübung ist äußerst frustrierend

Bewusstseinstrübung ist deshalb frustrierend, weil es ein Symptom ist, deren Auswirkungen man anderen schwer erklären kann.

Es ist eine kognitive Fehlfunktion, die bei chronischer Erkrankung üblich ist – das kann dazu führen, Schwierigkeiten zu haben Wörter zu finden, sich zu konzentrieren oder sich an etwas zu erinnern.

Diejenigen mit Bewusstseinstrübung wissen oft, was sie sagen wollen, können aber keine Gedanken in Wörter fassen, um wirksam zu kommunizieren.

9. Das Risiko für Infektionen ist größer

Das Immunsystem von chronisch Erkrankten kann überaktiv sein und anstatt Infektionen der Krankheit abzuwehren, kämpft das Immunsystem gegen die körpereigenen Organe, Gelenke, Nerven und/ oder Muskeln.

Viele Betroffene nehmen Medikamente, um ihr überaktives Immunsystem zu unterdrücken und infolgedessen sollten sie kranke Menschen aus dem Weg gehen.

Eine kleine Erkältung einer gesunden Person kann zu einer gefährlichen Infektion für chronisch Kranke werden.

10. Bestimmte Lebensmittel können die Symptome verschlimmern

Bestimmtes Essen kann die Symptome von Erkrankten verschlechtern. Geläufige Auslöser sind Gluten, Milchprodukte, Zucker, Soya, Hefe, Alkohol und industriell verarbeitete Lebensmittel.

Diese Auslöser können Entzündungen verstärken, was die weiteren Symptome auch vermehrt – diese können für Stunden oder Tage (manchmal auch Wochen) anhalten.

Da wir uns von vielen dieser Lebensmittel ernähren, ist es oft schwer herauszufinden, welches davon die Symptome ausgelöst hat. Und sein Lieblingsessen zu vermeiden kann eine Herausforderung sein.

11. Empfindlichkeit gegenüber Gerüchten ist weitverbreitet

Bestimmte Gerüche wie Parfum, Reinigungsmittel und Rauch können Kopfschmerzen, Bewusstseinstrübung, Übelkeit und andere Symptome hervorrufen.

Einige Medikamente für die Behandlung chronischer Krankheiten sind niedrig dosierte Chemotherapie-Medikamente. Die Empfindlichkeit kann man mit der von Schwangeren oder Chemotherapie-Patienten gleichsetzen.

12. Es ist anstrengend, eine chronische Krankheit zu bewältigen

Chronisch Erkrankte müssen gut organisiert sein, damit sie ausreichend Erholung bekommen, symptomauslösendes Essen vermeiden, die Medikamente zur richtigen Zeit einnehmen und Grippen vermeiden können.

➨ Mehr zum Thema: Grippe-Impfung: Wer sich vor Influenza schützen sollte

Es ist verständlich, dass sie sich auch nur wie ein „normaler“ Mensch fühlen wollen und auch mal eine Pizza essen oder lange wach bleiben – auch wenn sie wissen, dass sie später „dafür zahlen müssen“.

Mitgefühl und Unterstützung kann einen großen Unterschied machen

Trotz dem Ringen mit Trauer, Isolation und zehrenden Symptomen, kämpfen chronisch Erkrankte weiter. Sie kämpfen jeden Tag damit, ihren Körper zu verstehen und Dinge zu machen, die für andere selbstverständlich sind.

Die Mitmenschen in ihrer Umgebung können ihre Herausforderungen im Alltag wahrscheinlich nicht nachvollziehen, daher ist es oft schwer, angemessene Unterstützung von anderen zu erhalten.

Du kannst einen großen Unterschied im Leben eines chronisch Kranken machen, indem du dich mit den Symptomen auseinander setzt und ihnen mit Mitgefühl und Unterstützung entgegenkommst.

Verständnis für chronische Krankheiten kann helfen, diese weniger „unsichtbar“ zu machen. Darum ist es so wichtig, dass du dir die Zeit genommen hast, um diesen Artikel zu lesen. Danke!“

Pressemeldung DGS „Opioid-Abhängigkeit: Notstand in USA ausgerufen“

Nachdem der amerikanische Präsident Donald Trump aufgrund der massiven Zunahme an Drogentoten den nationalen Notstand bezüglich Opioiden erklärt hat, gibt die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) Entwarnung: In Deutschland sei aktuell kein Gesundheitsnotstand aufgrund von Opioid-Abhängigkeit zu befürchten. Die gesetzlichen Regelungen sowie die vorhandenen Leitlinien zum Einsatz von Opioiden verhinderten in den meisten Fällen die Entwicklung einer Abhängigkeit.

Mehr über das Thema in der Pressemeldung der DGS:


Opioid-Abhängigkeit: Notstand in USA ausgerufen

In Deutschland derzeit kein Gesundheitsnotstand aufgrund von Opioid-Abhängigkeit zu befürchten

Berlin, 31. Oktober 2017. Nachdem der amerikanische Präsident Donald Trump aufgrund der massiven Zunahme an Drogentoten den nationalen Notstand bezüglich Opioiden erklärt hat, gibt die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) Entwarnung: In Deutschland sei aktuell kein Gesundheitsnotstand aufgrund von Opioid-Abhängigkeit zu befürchten. Die gesetzlichen Regelungen sowie die vorhandenen Leitlinien zum Einsatz von Opioiden verhinderten in den meisten Fällen die Entwicklung einer Abhängigkeit.

Vor wenigen Tagen hat der amerikanische Präsident Donald Trump angesichts einer drastischen Zunahme von Opioid-Abhängigen in den USA einen Gesundheitsnotstand erklärt. Die New York Times veröffentlichte bereits im Juni 2017 Daten, nach denen im Vorjahr ca. 65 000 US-Bürger an einer Drogenüberdosis starben. Damit übersteigt die Zahl der Drogentoten diejenigen, die im Straßenverkehr oder aufgrund von Herzerkrankungen oder HIV starben.[1]

Strenge Regelungen zum Einsatz von Opioiden in Deutschland

„In Deutschland ist der Einsatz von Opioiden weitestgehend unproblematisch“, so Dr. Oliver Emrich, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS). „Schmerzpatienten hierzulande erhalten in der Regel nur dann Opioide, wenn die strengen Regeln der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtmVV) und des Betäubungsmittelgesetzes  (BtmG) eingehalten werden.“ Lediglich bei ca. 1-3 Prozent der mit Opioiden behandelten Schmerzpatienten kommt es trotz Einhaltung aller Vorsichtsmaßnahmen zu Abhängigkeitssymptomen unter der Behandlung mit Opioiden.[2]

USA: Opioide oft ohne Kontrollen

Ein Controlling von Schmerzpatienten unter Opioiden gibt es in den USA bislang kaum. Amerikanische Ärzte verschrieben immer größere Mengen an Opioiden, ohne deren Wirkungen und unerwünschte Wirkungen wie die Auslösung eines Suchtverhaltens ausreichend zu prüfen. Die 2016 publizierten Leitlinien des Centers for Disease Control and Prevention (CDC) mahnen zwar enge, zum Teil wöchentliche Wirkungs-Nebenwirkungs-Kontrollen einer Schmerzbehandlung mit Opioiden an, finden aber wenig Beachtung unter den Ärzten.[3]

Grundsätzlich bergen Opioide ein hohes Potenzial der Suchtstoffabhängigkeit, vor allem gerade auch dann, wenn sie gespritzt oder unretardiert eingenommen werden. Eine unretardierte Applikation führt zu hohen Rezeptorschwankungen der Opioide an den Opioidrezeptoren. Diese Schwankungen wiederum können zu Abhängigkeit im Sinne einer übermäßigen Erwartung der Applikation führen. Wissenschaftliche Auswertungen und die Empfehlungen aller Fachgesellschaften in Deutschland legen daher nahe, Opioide streng indikationsbezogen, retardiert, niedrig dosiert, zeitlich begrenzt und kontrolliert einzusetzen.2 Nicht retardierte Opioide, ein laxes Monitoring und eine unzureichende Prä-Anamnese der Patienten, die Opioide nehmen, erhöhen das Risiko einer Suchtstoffabhängigkeit.

„In Deutschland besteht derzeit kein Anlass, einen Notstand bezüglich der Opioid-Praxis zu beklagen“, so das Fazit von Emrich. „Wir haben hierzulande erheblich bessere und stringentere Behandlungsregeln sowie gesetzliche Regelungen, um eine so fatale Entwicklung, wie wir sie in den USA sehen, wirkungsvoll zu verhindern.“

Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) e.V.

Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) e.V. ist mit rund 4.000 Mitgliedern die größte Gesellschaft praktisch tätiger Schmerztherapeuten in Europa. Sie setzt sich für ein besseres Verständnis und für bessere Diagnostik und Therapie des chronischen Schmerzes ein. Bundesweit ist sie in rund 125 regionalen Schmerzzentren organisiert, in denen interdisziplinäre Schmerzkonferenzen veranstaltet werden. Oberstes Ziel der DGS ist die Verbesserung der Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen. Dies kann nur durch die Etablierung der Algesiologie in der Medizin erreicht werden. Dazu gehört die Qualitätssicherung in der Schmerzmedizin durch die Etablierung von Therapiestandards sowie die Verbesserung der Aus-, Fort- und Weiterbildung auf den Gebieten der Schmerzdiagnostik und Schmerztherapie für Ärzte aller Fachrichtungen. Um die Bedürfnisse von Patienten noch besser zu verstehen, arbeitet die DGS eng mit der Patientenorganisation Deutsche Schmerzliga (DSL) e.V. zusammen.

[1] https://www.nytimes.com/interactive/2017/06/05/upshot/opioid-epidemic-drug-overdose-deaths-are-rising-faster-than-ever.html

[2] http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/145-003l_S3_LONTS_2015-01.pdf

[3] CDC Guideline for Prescribing Opioids for Chronic Pain — United States, 2016, Recommendations and Reports / March 18, 2016 / 65(1);1–49)

 

Schmerz lass nach – leben mit dem Leiden

Moderator Michael Steinbrecher, Quelle: swr.de

Schmerz lass nach! Das wünscht sich jeder vierte Deutsche.

Es sticht im Rücken, es hämmert im Kopf, es pocht im Zahn – wer chronische Schmerzen hat, quält sich durchs Leben.
Etwa 15 Millionen Bürger leiden unter dauernden oder wiederkehrenden Schmerzen – und das in einer hochtechnisierten Welt, in der Milliarden für die Gesundheit und den medizinischen Fortschritt ausgegeben werden.

Schmerzmittel gehören mittlerweile für viele Menschen zu ihrem Alltag, ca. zwei Millionen Deutsche sind medikamentenabhängig. Die Deutschen bekommen mehr Schmerzmittel verschrieben als je zuvor – seit kurzem darf der Arzt auch Cannabis auf Rezept verordnen.

Wer bereits eine lange Behandlungs-Odyssee hinter sich hat, greift in seiner Verzweiflung nach dem letzten Strohhalm und kann dabei auch auf gefährliche selbsternannte Heiler stoßen, die in einem ausufernden Therapie-Dschungel mit windigen Heilmethoden locken.

Am Ende ist der Patient viel Geld, aber nicht den Schmerz los. Auch Selbstmedikation spielt eine immer größere Rolle – statt Fachärzten wird Dr. Google um Rat gefragt. Genau hier wittert die Pharmaindustrie neue Absatzmärkte jenseits der Rezeptpflicht.

Woher kommt der hemmungslose Griff zur Tablette? Was können Schmerzkliniken leisten, welche Rolle spielen Selbstheilungskräfte, brauchen wir für jedes Symptom gleich eine Pille?

Das ist das Thema im Nachtcafé am heutigen Freitag, um 22.00 Uhr, im SWR Fernsehen.

Gäste:

Monika Baumgartner – bei der Schauspielerin blieb 15 Jahre ein Tumor unentdeckt
Annette Bartnicki – ihre 10-jährige Tochter muss täglich starke Schmerzen aushalten
Stefan Ustorf – Verletzungen gehörten zum Alltag des Ex-Eishockey-Profis
Birgit Spengler – wurde arbeitsunfähig durch Clusterkopfschmerzen
Michael Mross – der TV-Börsenexperte verlor bei einem Unfall Bein und Arm
Prof. Dr. Sven Gottschling – Chefarzt und Schmerzmediziner

„Wie hältst du das nur aus?“

Quelle: visualstatements.net

Seit genau 22 Jahren leide ich unter chronischen bzw. wiederkehrenden Schmerzen. Und das mit gerade einmal 47 Jahren. Mein Leben, meine Entwicklung stand seitdem fast immer im Schatten des Schmerzes. Wer mit dauerhaften Schmerzen leben muss, kann sich nicht normal entwickeln. Schmerzen zermürben das physische und psychische Wohlbefinden, stören soziale Beziehungen, gefährden die gesamte Existenz.

Im September 1995 fing es mit Kopf- und Gesichtsschmerzen (atypischer Gesichtsschmerz bzw. anhaltender idiopathischer Gesichtsschmerz) an. 2005 kamen chronische Rücken- und Gesäßschmerzen (Spondylolisthesis vera, Piriformis-Syndrom) hinzu.

Gleich zweimal wurde ich den vergangenen Wochen gefragt: „Wie hältst du das nur aus?“. Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht.

Unzählige Ärzte und Therapeuten habe ich aufgesucht, bis ich endlich diejenigen gefunden habe, denen ich vertraue und die die Probleme auch etwas eindämmen konnten. Alleine sechsmal wurde ich im Bereich der Nasennebenhöhlen operiert.

Unzählige Untersuchungen, Tests und Aufnahmen wurden gemacht, um die Ursache der Schmerzen zu finden. In meiner Wohnung stapeln sich Aufnahmen aller gängigen bildgebenden Verfahren (Röntgen, CT, MRT).

Unzählige Therapien, Hilfs- und Arzneimittel habe ich ausprobiert, bis ich endlich Mittel und Wege gefunden habe, die Schmerzen und Ängste einigermaßen im Griff zu haben. Die Kosten, die nicht erstattet werden, belaufen sich jährlich auf hohe dreistellige, in manchen Jahren vierstellige, Beträge.

Eine klassische „Schmerzkarriere“.

„Wie hältst du das nur aus?“. Diese Frage lässt mich nicht mehr los. Es ist wohl eine Mischung aus starkem Willen, Pflichtbewusstsein und der Hoffnung, dass irgendwann vielleicht doch alles wieder gut wird. Und nicht zuletzt hat mich meine Neugier am Leben gehalten.

Was ist aus mir geworden? Wie habe ich mich entwickelt? Ich habe mir mit jahrelanger Übung etwas Gelassenheit, innere Ruhe und die Fähigkeit Glücksmomente zu genießen, angeeignet. Aber der Schmerz und die Angst sitzen immer mit im Boot. Darüber zu schreiben ist Teil meiner Therapie, Teil meiner Selbstheilungsversuche, geworden. Manchmal schreibe ich viel, manchmal wochenlang gar nicht.

Aber DAS halte ich locker aus.

6. Aktionstag gegen den Schmerz

Quelle: Deutsche Schmerzgesellschaft e.V.

Jährlich, immer am ersten Dienstag im Juni, findet der „Aktionstag gegen den Schmerz“ statt.

Erneut können sich Schmerzpatienten und ihre Angehörigen gezielt über Behandlungsmöglichkeiten informieren und beraten lassen.

  • Schmerztherapeutische Einrichtungen in ganz Deutschland geben Ihnen Einblicke in die verschiedenen Methoden der Schmerzbehandlung.
  • Die Deutsche Schmerzgesellschaft e. V. stellt Informationsmaterialien, u.a. für Patientinnen und Patienten aktuellen Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten vor.
  • Hotline für Schmerzpatienten: Unter der kostenfreien Rufnummer 0800 – 18 18 120 stehen am 6. Juni 2017 erneut zwischen 9:00 und 18:00 Uhr mehrere Dutzend renommierte Schmerzexperten aus ganz Deutschland für Fragen zur Verfügung.

Etwa 23 Millionen Deutsche (28%) berichten über chronische Schmerzen, 95% davon über chronische Schmerzen, die nicht durch Tumorerkrankungen bedingt sind. Legt man die „Messlatte“ der Beeinträchtigung durch die Schmerzen zugrunde, so erfüllen 6 Millionen Deutsche die Kriterien eines chronischen, nicht tumorbedingten, beeinträchtigenden Schmerzes. Die Zahl chronischer, nicht tumorbedingter Schmerzen mit starker Beeinträchtigung und assoziierten psychischen Beeinträchtigungen (Schmerzkrankheit) liegt bei 2,2 Millionen Deutschen.

Oftmals dauert es 3-6 Jahre, bevor chronische Schmerzpatienten einen geeignete Behandlung finden.

Großes Problem auch: Neben der Therapie von chronischen Krankheiten (s.o.) gibt es massive Probleme der Schmerzbehandlung im Krankenhaus, bspw. im Umfeld von Operationen. Der offizielle HTA-Bericht der Bundesregierung zeigt: In fast der Hälfte der Fälle haben Patienten im Krankenhaus vermeidbare Schmerzen, der Akutschmerzdienst muss verbessert werden.

Auch die Gesundheitsministerkonferenz der Länder empfiehlt den Bund bzw. den G-BA hier zu Fortschritten zu kommen.

Schmerz muss Top-Thema der Gesundheit-, Versorgungsforschung- und Wissenschaftspolitik werden!

Also: Macht mit am sechsten bundesweiten „Aktionstag gegen den Schmerz“!

Plakat Aktionstag 2017
Teilnehmerliste Aktionstag 2017
Aktivitäten der SchmerzLOS-Selbsthilfegruppen

Zitat des Tages

„Menschen mit chronischen Schmerzen sind in der Lage morgens so zu lächeln, als hätten sie nachts nicht geweint.“

Sprüche of Os

Wenn Kopfschmerzen zum Alltag gehören – Spezialambulanzen setzen auf vielfältige Therapieverfahren

Quelle: „obs/Wort & Bild Verlag – Apotheken Umschau“

Bei gelegentlichen Kopfschmerzen hilft oft eine Tablette – gehören die Beschwerden aber zum Alltag, kommt es nicht in Frage, jedes Mal eine Pille zu schlucken. Kritisch wird es ab etwa acht Kopfschmerztagen im Monat, wie das Gesundheitsmagazin „Apotheken Umschau“ schreibt. „Dann sollte man zum Neurologen gehen“, rät Professor Andreas Straube, Oberarzt am Klinikum der Universität München. An vielen Unikliniken gibt es mittlerweile Spezialambulanzen mit Kopfschmerzexperten. Diese setzen als Ergänzung zu Medikamenten stark auf weitere Therapieverfahren. So schulen sie schwer Betroffene in Techniken wie der progressiven Muskelentspannung, suchen nach möglichen Verhaltensänderungen und klären über denkbare Auslöser der Beschwerden auf. Damit lässt sich zum Beispiel bei Migräne viel erreichen. Denn Migräneattacken können durch Stress ausgelöst werden. Daher ist es sinnvoll, in Gesprächen herauszufinden, welche Situationen für den Patienten belastend sind. Eine weitere Möglichkeit, die Reaktionen des eigenen Körpers besser zu verstehen, ist das Biofeedback. Dabei werden auf einem Bildschirm etwa Herzfrequenz und Muskelentspannung angezeigt. Die Patienten lernen, diese Reaktionen willentlich zu verändern. Auch von der Wirksamkeit von Ausdauersport sind Experten überzeugt. In der neuen „Apotheken Umschau“ berichten mehrere Patienten über ihren Weg aus der Schmerzfalle.

Das Gesundheitsmagazin „Apotheken Umschau“ 4/2017 B liegt in den meisten Apotheken aus und wird ohne Zuzahlung zur Gesundheitsberatung an Kunden abgegeben.

Pressekontakt:

Sylvie Rüdinger
Tel. 089 / 744 33 194
Fax 089 / 744 33 459
E-Mail: presse@wortundbildverlag.de
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