„Alles gut?“ – „Alles gut!“ Warum sagen wir das ständig?

ba6e104c0ce3e776bd431ce44543f39a„Mein Hund hat aufs neue Sofa gekotzt. Arschlöcher haben mein Auto abgeschleppt. Und der Olaf hat sich auch schon seit einer Woche nicht mehr gemeldet. Aber… alles gut!“ So oder so ähnlich klingt zurzeit das durchschnittliche Telefongespräch in meinem Freundeskreis.

Ich weiß nicht, ob Sie es schon bemerkt haben: In Deutschland ist die Alles-gut!-Epidemie ausgebrochen. Alles ist gut, auch wenn es schlecht ist. Und das wird auch vorausgesetzt: „Alles gut?“, hallt es durch die Straßen, wenn zwei Bekannte sich begegnen. „Alles gut!“ schallt es kurz und knackig zurück. Sogar aus meinem Mund. Besonders, wenn alles scheiße ist.

Was ist los mit uns? Eifern wir den Amerikanern nach, die sich mit einer Frage begrüßen („How are you?“), die mit ihrer Antwort fest verknüpft ist („Fine“)? Oder wollen wir uns in Zeiten der Schuldenkrisen nur alle selbst beruhigen? Dürfen wir nicht zugeben, wenn es uns schlecht geht – wo wir doch auf der Insel der Seligen leben, während die Welt um uns herum ins Wanken gerät.

Vielleicht. Vor allem aber glaube ich, dass wir den Eindruck erwecken wollen, alles im Griff zu haben. Es ist schlichtweg unattraktiv, die Kontrolle zu verlieren über ein Leben, in dem es für alles Abhilfe gibt: Apps fürs Abnehmen, Dating-Portale für die Liebe, Therapeuten für die Partnerschaft, Ratgeber fürs Glück, Coaches für die Karriere, Pillen für die gute Laune. Die Selbstoptimierungsindustrie macht uns weis, dass wir uns zu einer Idealversion unserer selbst formen können. Wir müssen es halt nur wollen.

Wenn es für jedes Problem eine Lösung gibt, sind wir selbst schuld, wenn’s nicht rund läuft. Und das können wir keinesfalls auf uns sitzen lassen. Also tackern wir uns ein Lächeln ins Gesicht und rufen fröhlich in die Runde: „Alles gut!“

Herrlicher Artikel von Susanne Arndt, Brigitte, über Schein und Sein. Gelegentlich ertappe ich mich auch dabei zu sagen: „Alles gut!“ Aber in der Regel und vor allem bei Menschen, die mir wirklich wichtig sind, nehme ich kein Blatt vor den Mund und sage frei heraus: „Es geht mir beschissen!“ Das ist enorm befreiend und spart Energie, denn der Schein will ja aufrechterhalten sein…

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