Chronischer Schmerz – Multimodale Schmerztherapie

Quelle: geralt, pixabay.com
Quelle: geralt, pixabay.com

Jeder von uns kennt das Gefühl Schmerzen zu haben. Doch glücklicherweise ist die Ursache meist klar, und ein Ende abzusehen. Bei Menschen mit chronischen Schmerzen ist das anders. Sie leiden Tag für Tag ohne eine Aussicht, dass es endet. Die Ursache dafür liegt meist tief in der jeweiligen Person verborgen. So auch bei Frau M., deren Geschichte ich hier erzählen will, um zu zeigen, dass es einen Ausweg gibt. Man kann sich den Schmerzen entgegen stellen.

Ein erstes Gespräch im April 2015

Frau M. kommt zur Vorbesprechung. Sie möchte an unserem Programm der multimodalen Schmerztherapie teilnehmen und wird von ihrem Schmerztherapeuten geschickt. Frau M. ist eine gepflegte Frau Ende 50, etwas übergewichtig. Schon als sie zur Tür hereinkommt spüre ich ihren Kummer und große Wut.

Dauerschmerzen seit zehn Jahren

Auf meine erste Frage, wie lange sie schon unter den Schmerzen leidet, folgt ein tiefer Seufzer und dann berichtet Frau M. ihre Leidensgeschichte anfangs stockend, dann immer flüssiger, gelegentlich unterstützt von meinen Fragen.

Seit ihrer Jugend leide sie schon unter Schmerzen. Seit zehn Jahren habe sie nun Dauerschmerzen – Tag und Nacht. Zu Beginn habe sie Rückenschmerzen gehabt. Sie sei von Arzt zu Arzt gelaufen, habe Spritzen, Tabletten, Akupunktur, Krankengymnastik, Elektrotherapie und Infusionen erhalten und sogar eine Rehabilitationsbehandlung gemacht. Es sei aber immer schlimmer statt besser geworden.

Der ganze Körper schmerzt und schränkt ein

Dann kamen noch die Gelenkschmerzen dazu. An immer anderen Gelenken. Außerdem eine zunehmende Müdigkeit. Oft sei es ihr zu anstrengend, die Waschmaschine zu füllen, am nächsten Tag könne es sein, dass sie normal „funktioniere“. Sie habe zu nichts Lust, gehe nur noch ungern aus dem Haus. Beschreiben lasse sich der Schmerz schlecht, er sei immer da, wie ein Messer, mit dem man in ihr herumbohre.

Die Biografie: Als Mädchen konnte sie ihren Traum nicht erfüllen

Einen Beruf? Ja, sie habe nach der Hauptschule Verkäuferin gelernt, aber sie wäre gerne Lehrerin geworden. Da sie aber ja nur ein Mädchen sei, die eh heiratet, waren ihre Eltern der Ansicht, dass sich die Investition nicht lohne. Sie haben lieber den Bruder gefördert. Sie habe ein paar Jahre gearbeitet, dann seien die Kinder gekommen und sie sei Zuhause geblieben. Später habe sie immer mal wieder gearbeitet. An ihrem letzten Arbeitsplatz sei sie gemobbt worden, dann habe sie immer häufiger gefehlt. Man habe ihr gekündigt. Nun sei sie arbeitslos. Wer stellt denn eine Frau meines Alters mit der Krankengeschichte noch ein?, fragt sie seufzend.

Die Biografie: Mann und Kinder, so wie es sich halt gehört

Ich frage sie, ob sie mit ihrem Mann zufrieden sei. Ja natürlich. Er habe zwar so seine Eigenheiten, aber wer habe das nicht? Zögernd fügt sie noch hinzu, dass er sie nicht so gerne in den Arm nehme.
Ob sie Kinder habe? Ja, zwei Töchter. Die Augen von Frau M. füllen sich mit Tränen. Leise sagt sie, dass ihre jüngere Tochter mit Drogen zu tun habe, unzuverlässig sei, nicht arbeite. Dabei hat sie doch immer alles bekommen und hätte sogar studieren können. Letzte Woche habe ihre Tochter sie sogar geschlagen. Ihr Mann habe schon die Polizei rufen wollen, aber sie habe ihn daran gehindert.

Die Biografie: Die Eltern

Vorsichtig nähere ich mich dem nächsten großen Thema, der Familie. Es wird schwierig werden, das ahne ich schon. Ich frage erst einmal, ob die Eltern noch leben. Nein beide seien bereits verstorben. Der Vater sei nur 78 Jahre alt geworden und an Leberversagen verstorben. Er habe sehr viel Alkohol getrunken und sei abends oft betrunken nach Hause gekommen. Sie habe immer Angst vor ihm gehabt. Die Mutter sei immer kränklich gewesen und nie belastbar. Sie habe ihre Mutter jahrelang gepflegt, das sei ganz schrecklich gewesen mit der Demenz. Aber die Mutter habe ja nichts dafür gekonnt.

Die Biografie: Sexueller Missbrauch

Als sie 12 war, sei es ganz schlimm gewesen. Frau M. schweigt und schaut zu Boden. Sie weint. Ich ahne, dass Frau M. sexuell missbraucht wurde und schließlich erzählt sie es auch. Sie habe sich so geschämt und es niemanden erzählen können. Die Mutter habe es gewusst und nichts unternommen. Sie sei so alleine gewesen damit.

In der Vergangenheit liegt der Schlüssel für die Zukunft

Sie wisse gar nicht, warum sie mir die ganzen alten Geschichten erzähle. Man könne ja nichts mehr daran ändern. Nein, das kann man nicht, bestätige ich ihr. Aber ihre Erkrankung gehöre in ihre Biografie hinein. Im Leben jedes chronisch schmerzkranken Menschen gibt es Brüche, schmerzhafte Erlebnisse, oft eine ungünstige Verarbeitung von Lebensereignissen, nicht bewältigte Kränkungen, Demütigungen oder Verluste. Sich diese Zusammenhänge bewusst zu machen, Auswege und Strategien zu entwickeln und auch dem Zorn, der Angst, der Depression und der Hilflosigkeit ihren Raum zu geben, das sind wichtige Schritte, aus der Erkrankung heraus.

Verschiedene Therapien als Start zum Erfolg

Ich schildere Frau M., dass unsere Patienten jeden Tag Nordic Walking machen, viermal pro Woche Wassergymnastik haben, dreimal Krankengymnastik, dreimal Entspannungsverfahren, dazu Musiktherapie, Bürstenmassage und Psychotherapie in Einzel- und Gruppengespräche.

Frau M. schaut mich an. Die Gefühle der Trauer und des Ärgers, die mit ihr zur Tür hereingekommen waren, spüre ich nicht mehr. Wir besprechen noch die Einzelheiten der Anreise, was mitzubringen ist, wann sie da sein soll und natürlich vereinbaren wir einen Termin, in ihrem Fall für Juni.

12. Juni: Der Ausweg beginnt

Ich sehe Frau M. bereits mit einem großen Koffer auf die Station rollen. Sie sieht angespannt aus, aber sie lächelt, als sie mich sieht. Ich untersuche sie und finde kleinere Funktionsstörungen in der Wirbelsäule, eine leichte Einschränkung der Schulterbeweglichkeit, vor allem aber ein schweres Ungleichgewicht der Muskulatur von den Füßen bis zum Kopf. Häufige Befunde bei Menschen, die nicht regelmäßig Sport treiben, Fehlhaltungen haben oder sich unphysiologische Bewegungen angewöhnt haben.

Spaß und Freude sind die besten Therapeutika gegen Schmerzen

Gleich im Anschluss wird Frau M. unseren Psychologen kennenlernen, einen sehr warmherzigen erfahrenen Kollegen. Um 13 Uhr startet die Gruppe mit Nordic Walking, dann gibt es 30 Minuten Pause, dann Gruppengymnastik, wieder eine Pause und zum Abschluss Wassergymnastik in unserem Schwimmbad. Das Bad wird von unseren Patienten geliebt.

Am Nachmittag liegt Frau M. erschöpft, aber fröhlich auf dem Bett. Sie sei zwar völlig erledigt, aber es gehe ihr gut. Sie verstehe sich mit ihrer Zimmernachbarin und es habe Spaß gemacht. Das ist die Hauptsache, Spaß und Freude sind die besten Therapeutika gegen Schmerzen.

13. Juni: Besprechung mit Psychologe und Physiotherapeut

Der Psychologe, der Physiotherapeut und ich sitzen um 10:30 Uhr in meinem Büro. Wir arbeiten nun schon seit drei Jahren zusammen. Wir haben keine Supervision, daher bleibt bei schwierigen Patienten nur unsere Teambesprechung zum Austausch. Wir müssen uns auch ein Bild davon machen, was wir in den zwei Wochen erreichen können, ohne unsere Patienten zu überfordern.

Am Anfang waren die Teambesprechungen immer nur Pflichtveranstaltungen. Doch je länger wir die Schmerztherapie betreiben, desto wichtiger ist der Dienstagvormittag für uns geworden. Der Austausch, die verschiedenen Aspekte aus den einzelnen Bereichen und natürlich die Einigkeit unter uns in der Einschätzung der Gesamtsituation sind wichtig. Wir müssen an einem Strang ziehen, jeder in seinem Fachgebiet.

14. Juni: Musiktherapie

Visite: Ich frage als Erstes nach der Musiktherapie, die Dienstagnachmittag stattfindet. Ja, kommt es etwas gedehnt von Frau M., das war mal etwas anderes. Ob sie Schmerzen während der Musiktherapie gehabt habe? Sie überlegt lange. Nein, eigentlich nicht, aber jetzt seien die Schmerzen wieder ganz schlimm. Ich komme noch mal auf die Schmerzfreiheit während der Musiktherapie zurück und erläutere ihr, dass Musik und Freude in einem anderen Hirnareal verarbeitet werden, als Schmerz, Ärger, Depression und Angst.

15. Juni: Krankengymnastik

Frau M. begegnet mir bereits auf dem Flur. Die Krankengymnastik sei schlimm gewesen, ihr tue alles weh. „Knochenbrecher“ werde der Therapeut genannt, ob der immer so schlimm sei. Ihre Schmerzen seien jetzt ja schlimmer, als vor der Aufnahme hier. Sie wolle weniger Schmerzen haben, nicht mehr. Ihre Unzufriedenheit muss ich aushalten. Ich weiß, dass ihre Schmerzen in der nächsten Woche weniger werden.

In der Dokumentation finde ich einen Vermerk unseres Psychologen über das Einzelgespräch mit Frau M. Es scheint ein sehr gutes Gespräch gewesen zu sein. Sie war wohl sehr erleichtert. Ich schicke ein Konsil an unsere Klinik für Psychosomatik mit der Bitte eines Behandlungsangebotes.

16. Juni: Ein Wochenende zum Entspannen

Frau M. hat etwas Bedenken vor ihrer nächsten Einzelkrankengymnastik. Ich ermutige sie hinzugehen und auch am Nachmittag alle Therapien mitzumachen. Schließlich ist das ganze Wochenende Pause. Sie wolle am Wochenende keinen Besuch, sondern für sich sein. Vielleicht gehe sie mal in die Stadt. Ansonsten habe sie ein paar Bücher zum Lesen. Wir besprechen noch das Vorgespräch in der Klinik für Psychosomatik. Mittlerweile ist ihr der Gedanke vertraut, dass ihre Biografie etwas mit den Schmerzen zu tun hat. Das entlastet und nimmt die Sorge, dass Bewegung ihre Schmerzen verstärken wird.

19. Juni: Patienten unterstützen sich

Neue Patienten stehen auf der Aufnahmeliste. Frau M. hat endlich mal verschlafen. Die Entspannung setzt ein. Sie gehört jetzt zu den „Alten“, die die „Neuen“ mit zu den Therapien nehmen. Ihre Stimmung ist gut, die Schmerzen sind weniger geworden. Sie schläft gut und hat kaum noch von der Bedarfsmedikation eingenommen. Sie wirkt mutiger, taffer und man erahnt die Kraft, die sie ihr Leben hat meistern lassen.

20. Juni: Erste positive Ergebnisse

Die Physiotherapie gestern sei klasse gewesen, der Therapeut sei richtig gut. Sie freue sich schon auf die Musiktherapie. Frau M. geht es gut. Am späten Nachmittag wird sie das Gespräch mit der Kollegin aus der Klinik für Psychosomatik haben.

In der Teambesprechung äußern sich alle sehr positiv zu Frau M. Beruhigend ist vor allem, dass sich die Ärgerspannung, die im psychologischen Test deutlich wurde und auch schon im Vorgespräch spürbar war, nicht ausgebreitet hat. Patienten, die ihren Ärger kultivieren und dadurch in ihrer Opferrolle hängen bleiben, profitieren oft wenig von unserer Behandlung. Ebenso wie Menschen, die eine nazistische Charakterakzentuierung haben und sich nicht auf die Therapeuten einlassen können.

21. Juni: Klinik für Psychosomatik

Frau M. klagt über wieder zunehmende Schmerzen. Der „Abschiedsschmerz“ beginnt. Ich weiß, dass dies bei unseren Patienten häufig ist und erkläre ihr das. Wir sprechen über das, was für sie als nächstes ansteht. Im Gespräch mit der Kollegin der Klinik für Psychosomatik hat sie ein Behandlungsangebot erhalten. Ich bestärke sie darin, sich auf die Warteliste aufnehmen zu lassen. Wenigstens einmal in ihrem Leben an sich denken und etwas für sich tun, sich etwas Gutes tun – warum nicht jetzt?

22. Juni: Unterstützung und Zusammensein

Vorletzter Tag. Die kleine Gruppe, die wir letzte Woche aufgenommen haben, geht heute Abend Eis essen. Frau M. ist durch die Anderen getröstet, alle haben Schmerzen und Leistungseinbußen. Jeder nimmt Rücksicht auf die, die einen schlechten Tag haben.

23. Juni: Ein Abschlussgespräch mit guter Prognose

Im Abschlussgespräch frage ich Frau M., wie sie die Zeit bei uns erlebt hat. Gut sei es gewesen, sie habe viel gelernt, viele neue Übungen für den Rücken und die Gelenke und viel über sich. Die Gespräche mit dem Psychologen haben ihr viel gebracht, sie habe ihm alles erzählen können und weinen dürfen. Sie überlege, ob sie sich in ihrer Nähe einen Psychotherapeuten suchen solle.

Was sie Zuhause verändern werde? Erst mal werde sie wieder regelmäßig laufen und sich einen Platz in einer Wassergymnastikgruppe suchen. Denn das Schwimmen habe ihr gut getan. Sorgen bereite ihr das Verhältnis zur Tochter, da sei sie sich mit ihrem Mann noch uneins. Aber die Zeit in der Klinik habe ihr Mut gemacht.

Wie es mit den Anderen gewesen sei? Frau M. lächelt. Obwohl wir uns vorher nicht kannten, war es, als wenn wir uns schon lange kennen würden. Einfach gut. Sie haben auch die Adressen ausgetauscht. Wir sprechen noch eine Weile über die Bedeutung der Gemeinschaft, dann verabschieden wir uns. Sie komme auf jeden Fall vorbei, wenn sie dann in der Psychosomatik sei.

 

Autor Dr. med. Sabine Borck, Ärztliche Leiterin Schmerztherapie

Dr. med. Sabine Borck ist ärztliche Leiterin der Schmerztherapie der Vitos Klinik für Neurologie Weilmünster. Sie ist Ärztin für Neurologie und Anästhesie und verfügt über die Zusatzbezeichnungen spezielle Schmerztherapie, Manuelle Therapie und Palliativmedizin. Außerdem hat sie eine abgeschlossene osteopathische Ausbildung.

Weitere Artikel von Dr. med. Sabine Borck finden sich im Vitos Blog.

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