Schmerz ist ein Spaßverderber!

“sad” by Kristina Alexanderson is licensed under CC BY-NC-SA 2.0
“sad” by Kristina Alexanderson is licensed under CC BY-NC-SA 2.0

Nach der Begriffserklärung der Weltschmerzorganisation (IASP = International Association for the Study of Pain) ist Schmerz ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit einer tatsächlichen oder drohenden Gewebeschädigung verknüpft ist, oder mit Begriffen einer solchen Schädigung beschrieben wird. Diese Begriffserklärung ist seit vielen Jahren gültig und beschreibt verschiedene Anteile dessen, was im Erleben von Schmerz Bedeutung hat.

Doch Schmerz ist für viele Betroffene viel mehr als nur ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis.

Schmerzen belasten zunächst einmal den Betroffenen selbst. Schmerzen  sind unangenehm, können auch quälend sein. Im körperlichen Bereich beeinträchtigen sie das Leistungsvermögen und behindern so Aktivitäten in Beruf und Freizeit. Im psychischen Bereich können sie Gefühle wie Ärger (bis hin zur Wut), Trauer (bis hin zur Depression) und Besorgnis (bis hin zur Angst) auslösen. Schmerz ist immer ein individuelles Gefühlserlebnis und dadurch unmittelbar nur für den Betroffenen selbst wahrnehmbar. Der Partner kann Schmerzen des Betroffenen nur indirekt wahrnehmen. Zu diesen indirekten Reaktionen gehören u.a.  Gereiztheit, Traurigkeit, Verlangsamung, Erschöpfung, Konzentrationsstörungen, Rückzug, eher seltener Stöhnen oder ein gequälter Gesichtsausdruck.

SCHMERZ IST EIN SPASSVERDERBER, PARTYCRASHER UND URLAUBSVERWEIGERER!

Jeder Schmerzpatient kennt diese Situation: Man ist mit seinem Partner auf einer Party, einer Familienfeier oder im Urlaub. Eigentlich Anlässe, um Spaß zu haben, um es sich gut gehen zu lassen. Doch man hat unsägliche Schmerzen. Man würde am liebsten sofort nach Hause gehen, abbrechen, erst gar nicht hingehen. Doch wie sage ich es meinem Partner, meinem Umfeld? Der Konflikt ist vorprogrammiert. Der Spagat zwischen Wunsch und Wirklichkeit unmöglich. Es fließen Tränen.

Wenn das Verhalten des Schmerzkranken nicht mehr als „sich hängen lassen“, „mangelnde Anstrengungsbereitschaft“ oder „übertriebene Empfindlichkeit“ gedeutet wird, kann man als Paar in der Alltagsgestaltung realistische Ziele anstreben.

Bei Planungen und Alltagsaktivitäten sind Entweder/Oder- bzw. Totallösungen (z.B. Hausarbeit ganz an den Partner delegieren, nicht mehr gemeinsam in den Urlaub fahren, nicht mehr zu Familienfeiern fahren) zu vermeiden.

Wichtig sind Kompromisse. Man kann absprechen, wer welche Hausarbeiten übernimmt und sich dabei flexibel halten. An „guten Tagen“ kann man mehr machen, an „schlechten Tagen“ weniger. Im Urlaub muss man ja nicht alles zusammen machen. Das Urlaubsziel sollte so gewählt werden, das beide etwas finden (z.B. Thermalbad für den kranken und Alpinski für den gesunden Partner, man muss auch nicht alle Tagesausflüge mitmachen). Bei Familienfeiern kann man zwischendrin einen kleinen Spaziergang als Ausgleich zu Sitzen und Gesprächslärm machen. Wenn es gar nicht geht, kann man auch eher nach Hause fahren, dann ist man ja auch dabei gewesen. Wichtig ist, dass auch der Schmerzkranke seinem gesunden Partner Raum für Aktivitäten gibt, an denen er sich nicht mehr beteiligen kann. Der gesunde Partner sollte dem Betroffenen  helfen, sich vom Schmerz  abzulenken oder das Schmerzverhalten“ ignorieren“. Ablenken hieße in diesem Fall etwa zu sagen: „Komm, raff´ Dich auf, Du weißt doch, wenn wir erst mal unterwegs sind, geht es Dir besser“. Oder der Partner ignoriert das Schmerzverhalten indem er motiviert: „Ich hole die Räder und warte draußen auf Dich.“

Beide Seiten sollten grundsätzlich nicht erwarten, dass man vom Anderen immer verstanden wird, aber man sollte miteinander im Gespräch bleiben. So kann sich Partnerschaft sogar neu entwickeln, und die Beziehung kann reifer und reicher werden.

SCHMERZ IST EIN BEZIEHUNGSKILLER!

Das alles hat natürlich Auswirkung auf das partnerschaftliche Zusammenleben, denn Stimmungen und Befindlichkeit des einen Partners wirken auch „ansteckend“ auf das Befinden des anderen Partners.  So reagiert vielleicht der Schmerzgeplagte mit Ärger und Gereiztheit, wenn etwas nicht mehr richtig klappt. Vielleicht ist er zunächst wütend auf die Krankheit, auf den eigenen Körper, der nicht richtig funktioniert, aber auch auf Mitmenschen, wenn  er sich von  diesen z.B. unverstanden fühlt. Wenn wir diesen Ärger auf unsere Mitmenschen nicht anderweitig loswerden, kann das schnell in Enttäuschung und Traurigkeit umschlagen und dann zu einem sozialen Rückzug führen.  Somit können auch Freundschaften darunter leiden. Die Gefahr der totalen Isolation besteht, wenn der Betroffene durch die Krankheit auch noch seine Arbeit verliert, woraus ein Teil des Selbstwertgefühls und soziale Kontakte bezogen wurden.

Die mit Schmerzen verbundenen körperlichen und seelischen Veränderungen beim Betroffenen haben wiederum auch eine negative Wirkung auf den Partner, weil dieser sich vielleicht angegriffen, heruntergezogen, oder bei geplanten gemeinsamen Aktivitäten behindert fühlt. Nach anfänglichem Mitgefühl kann sich eine zunehmende Ungeduld entwickeln. Die Enttäuschung des unverstandenen Schmerzbetroffenen ist damit vorprogrammiert. Da Menschen die leiden, oft sogar eine erhöhte Verständniserwartung an ihre Mitmenschen haben, ist die Enttäuschung oft doppelt schwer. Wenn der Betroffene nun auch noch mit Verärgerung, Vorwürfen oder eingeschnappt Sein reagiert, kann das beim Partner wiederum Aggressivität oder Fluchtimpulse auslösen. Entweder gibt es jetzt Streit, oder der Partner flüchtet sich in Garage, Hobbyraum oder Garten. Bei gutmütigen Partnern kommt es auch zu Hilflosigkeit: „Ich weiß nicht mehr, wie ich mit ihr/ihm umgehen soll“.

Chronisch Kranke haben oft auch Angst, vom Partner verlassen zu werden. „Ich weiß nicht, wie lange die/der es noch mit mir aushält.“ Besonders dann,  wenn der Partner die Beschwerden des anderen nicht mehr ertragen kann, also selbst zermürbt oder erschöpft ist – nach dem Motto: „Ich kann das nicht mehr hören.“

Es ist möglich unter den Bedingungen von chronischer Krankheit und Schmerz neue Zugänge zueinander zu finden und gegenseitiges Verständnis zu entwickeln.

Vor dem Betroffenen steht an erster Stelle die Aufgabe, obwohl es ihm schlecht geht und er mit Enttäuschungen zu kämpfen hat, sich dem anderen zu öffnen. Er muss Wege finden, sich dem anderen so mitzuteilen, dass der ihn versteht. Dabei besteht die Schwierigkeit, dass ein Mensch, der keine Schmerzen, Erschöpfung bei Alltagsverrichtungen oder Konzentrationsstörungen hat, dies sich nur schwer vorstellen kann. Empfehlenswert ist, dem gesunden Partner keine Forderungen zu stellen („Du musst Dich mit meiner Krankheit mehr beschäftigen“) oder Vorhaltungen zu machen („Du hast überhaupt kein Verständnis für mich“). Hinderlich ist auch ein Klagetonfall. Schildert in einer möglichst entspannten Gesprächssituation Eure körperlichen und psychischen Probleme  ohne dies mit Forderungen, Vorhaltungen oder Klagen zu verbinden. So gebt Ihr Eurem Partner die Möglichkeit, von sich aus Schlussfolgerungen zu ziehen. Ohne Vorwürfe kann er besser Verständnis entwickeln, weil er keine Kraft in den Selbstschutz stecken muss.

Die nicht Betroffenen haben die Aufgabe, sich auf unangenehme Themen einzulassen. Schmerz und Krankheit werden von Gesunden oft weit weg geschoben, um mit ihren eigenen Ängsten, Enttäuschungen und Ärger fertig zu werden. Erst die Bereitschaft auf beiden Seiten, sich dem anderen zu öffnen, macht eine Suche nach gemeinsamen Lösungen für die Alltagsgestaltung möglich.

Das gegenseitige Verständnis ist die Grundlage für eine partnerschaftliche Beziehungsgestaltung im Alltag. Wenn das Verhalten des Schmerzkranken nicht mehr als „sich hängen lassen“, „mangelnde Anstrengungsbereitschaft“ oder „übertriebene Empfindlichkeit“ gedeutet wird, kann das Paar in der Alltagsgestaltung realistische Ziele anstreben.

SCHMERZ IST EIN LIEBESTÖTER!

Wer Schmerzen hat, fühlt sich nicht wohl in seiner Haut, in seinem Körper. Je stärker die Schmerzen sind und je länger die Schmerzphase dauert, desto geringer ist auch die Lust sich seinem Partner zu nähern. Mangelnde Libido, also keine Lust auf Sex, oder gar Funktionsstörungen – oft auch aufgrund von starken Schmerzmitteln, wie z.B. Opioiden – schränken eine Paarbeziehung sehr ein und machen sie teilweise unmöglich.

Man kann lernen, seinen Körper anders wahrzunehmen und sich nicht von den Schmerzen beherrschen zu lassen.

Forscher haben herausgefunden, dass sich Schmerzen im Gehirn regelrecht einbrennen können und man auch dann noch Schmerzen spürt, wenn der auslösende Reiz – etwa eine Wunde oder eine Entzündung bei Rheuma – gar nicht mehr vorhanden ist. Laut der sogenannten Gate-Control-Therapie wirken bestimmte Nervenzellen im Rückenmark wie ein Tor („Gate“), sie lassen Schmerzreize mehr oder weniger stark durch. «Bei einigen Patienten kann sich der Schmerz verselbständigen, weil ihr Hirn ständig Schmerzen wahrnimmt», erklärt Georgios Kokinogenis, Psychiater und Oberarzt in der Abteilung für Psychosomatische Medizin am Inselspital Bern. Fast jeder seiner Schmerzpatienten berichte, sein Sexualleben sei durch die chronischen Schmerzen beeinflusst. Er bietet dann ein multimodales Therapiekonzept an, dass je nach Patient und Problem aus unterschiedlichen Behandlungsbausteinen besteht: So kann es darum gehen, die Therapie der Schmerz auslösenden Krankheit zu optimieren, andere Ansätze sind Nervenblockaden, transkutane elektrische Nervenstimulation, Biofeedback, Psychotherapie mit Schmerzbewältigungsstrategien, Physiotherapie oder Entspannungsübungen.

Sexualtherapeutin Hanna Meister versucht Paaren zu vermitteln, dass das Ziel beim Sex nicht die Penetration und der Orgasmus sei, sondern Zärtlichkeit und Sinnlichkeit neu zu erleben. „Für Menschen mit chronischen Schmerzen ist das oft eine überraschende Erfahrung.“ Gemeinsam mit dem Paar bereitet sie individuelle Übungen vor, die das Paar alleine zu Hause „trainiert“. So riet sie dem Mann mit der Fibromyalgie und seiner Frau, ihre Beziehung zu aktivieren. Das Paar vereinbarte zum Beispiel, abwechselnd einen „Überraschungsabend“ oder Sonntag vorzubereiten mit Kino, Theater, Konzert oder anderen Unternehmungen. Nach der nächsten Sitzung lernte das Paar, sich „sinnlich und erotisch“ zu streicheln und das Ganze entsprechend vorzubereiten: Sie aßen etwas Feines bei Kerzenschein und streichelten sich mit wohlriechendem Körperöl ein. „Der Mann war begeistert, wie sehr seine Partnerin das lange und sorgfältige Streicheln genoss, und ließ sich dann auch streicheln“, erzählt Meister. Beide seien glücklich über diesen „Neubeginn“.

SCHMERZ IST EIN ZEITFRESSER!

Wenn man alle Zeiten zusammenrechnet, die man beim Arzt, beim Therapeuten oder gar im Krankenhaus verbracht hat, kommt so mancher Schmerzpatient wahrscheinlich auf mehrere Monate, wenn nicht Jahre, seines Lebens. Dabei nimmt die Zeit für die eigentliche Behandlung meist einen relativ geringen Anteil ein. Der größte Zeitfresser ist die Wartezeit – auf einen Termin und dann im Wartezimmer des Behandlers. Ich kenne den Gedanken daran, was man alles hätte erledigen können, während man in einem Wartezimmer mit furchtbaren Kandinsky-Bildern saß.

Noch immer existieren Kapazitätsengpässe in der Schmerzmedizin. Die Versorgung ist ineffizient. Gut 1000 schmerzmedizinisch tätige Ärzte gibt es in Deutschland. Viel zu wenige, sagen die schmerzmedizinischen Fachgesellschaften. Sie fordern eine Verdopplung der Zahl der Einrichtungen – und mehr politisches Gewicht für die Schmerzmedizin.

Die Schmerzpatientin Marianne Simon kennt die Versorgung von Patienten mit chronischem Schmerz aus der eigenen Erfahrung und aus Gesprächen mit Dutzenden von Patienten: “18 Monate Wartezeit auf einen Termin beim Schmerztherapeuten kommen vor”, so Simon. Dr. Gerhard Müller-Schwefe vom Schmerzzentrum Göppingen widersprach ihr nicht: Von einigen Akutindikationen abgesehen liege die Wartezeit auch bei ihm derzeit bei mindestens einem Jahr.

Die Zeit kann man nun mal nicht zurückdrehen. Auch die Wartezeit wird man wohl oder übel in Kauf nehmen müssen. Aber man kann zumindest versuchen, sich die Zeit so schön wie irgend möglich zu machen, z.B. mit Musik und Liedern über die Hoffnung (s. Beitrag „Musiktherapie: Der richtige Sound gegen Schmerzen“ vom 26. Juni 2014).

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