Junge Menschen mit chronischen Schmerzen – ein Tabuthema

In Deutschland leiden etwa 12 bis 15 Millionen Menschen an chronischen Schmerzen. Sie zählen zu den häufigsten Ursachen für Krankenstände, Berufsunfähigkeit und Frühpension. Vor allem die Zahl junger Menschen mit chronischen Schmerzen nimmt zu. Doch dies ist noch wie vor ein Tabuthema – vor allem bei Arbeitgebern.

Jeder kennt Schmerzen und der Umgang damit scheint einfach. Eine Fülle an freiverkäuflichen Präparaten aus der Apotheke schafft schnell Abhilfe und ermöglichen die unbeschwerte Teilnahme am täglichen Leben. Doch was tun, wenn der Schmerz bleibt, mit der Zeit spürbar Besitz von einem ergreift und chronisch wird? Das tägliche Handeln und Entscheiden wird zur Qual. Neben den Schmerzen begleiten zunehmend Ängste und Selbstzweifel den Tag. Der Kampf mit dem Schmerz wird zum bestimmenden Lebensthema. Doch aus Sicht vieler Betroffener sollte die Umwelt davon möglichst nichts mitbekommen – schon gar nicht der Arbeitgeber, die Kollegen oder der Lebenspartner.

Das Thema chronische Schmerzen ist nicht gesellschaftsfähig

Aus Angst vor unangenehmen Fragen, einem Gesichtsverlust oder weiterer Konsequenzen werden Schmerzen häufig nicht oder viel zu spät offen angesprochen. Das Thema ist nicht populär und stößt bei vielen Menschen auf Unverständnis oder Ablehnung. „Für einen gesunden Menschen ist es oftmals unvorstellbar, welchen negativen Sog und welchen Teufelskreis anhaltende Schmerzen auslösen können“, erläutert Rolf Fahnenbruck, Vizepräsident der Deutschen Schmerzliga e.V. und selbst Schmerzpatient seit 1989. „Vor allem jungen Menschen, die mitten im Leben stehen und den nächsten Schritt im Berufs- oder Privatleben gehen möchten, ist der chronische Schmerz wie eine Mauer, die sie vom unbeschwerten Leben abschneidet – ein Schmerz der jegliche Lebensenergie raubt“, erläutert Fahnenbruck weiter.

Erschwerend kommt hinzu, dass die optimale Therapie oftmals erst relativ spät einsetzt, da die Zeiträume von den ersten Symptomen bis hin zur Diagnose recht lange ist. Dabei erschwert nicht nur der Schmerz das Leben der Patienten, sondern zum Teil auch die Einnahme von Medikamenten und deren Nebenwirkungen. Auf der Suche nach Linderung werden unzählige Ärzte aufgesucht und Therapien ausprobiert. Im Durchschnitt suchen Schmerzpatienten über elf Jahre nach geeigneter Hilfe und erfolgversprechenden Therapiemöglichkeiten.

Das eigene Unverständnis und die Ablehnung der eigenen Situation erschwert den Umgang mit der Erkrankung – nicht nur für die Betroffenen sondern auch für deren Umfeld. Die Bedrohung oder gar der Verlust des Arbeitsplatzes, sozialer Rückzug und spürbare Risse in der Beziehung sind die Folge.

Hilfe in Selbsthilfegruppen finden und der Wunsch nach mehr Öffentlichkeit

Der Austausch in einer Gruppe mit Menschen, die in einer ähnlichen Lebensphase und -situation stehen, kann dabei helfen, den Anschluss an das Leben und den Mut daran aktiv teil zu nehmen, nicht zu verlieren. Betroffene können in regelmäßigen Treffen gemeinsam wieder Mut schöpfen, Anregungen zum Umgang mit und der Behandlung von chronischen Schmerzen auszutauschen und (somit für sich und ihre Umwelt) die Lebensqualität wieder steigern.

Die SHG „Chronische Schmerzen“ in Frankfurt am Main ist die Älteste ihrer Art in Deutschland. Schon 1989 gründete Birgitta Gibson, zugleich Vizepräsidentin der Deutschen Schmerzliga e.V., diese SHG „um anderen dieses Alleingelassensein mit ihren Schmerzen zu ersparen“. Denn bis heute werden Schmerzpatienten nicht nur von ihren Schmerzen gequält, sondern zusätzlich von einem mangelnden Verständnis in ihrer Umgebung. „Die SHG sollte dazu beitragen, dass Betroffene Informationen über ihre Erkrankung bekommen und dass sie eine psychische Begleitung haben“, erklärt Gibson.

Von Anfang an stand dabei das Ziel, Raum für die Bedürfnisse und Wünsche der Schmerzpatienten zu schaffen, im Vordergrund. Neben der Hilfe zur Selbsthilfe legen die Selbsthilfegruppen jedoch auch sehr viel Wert auf Aufklärungsarbeit zum Thema chronische Schmerzen in der Gesellschaft. Viele Patienten wünschen sich mehr Akzeptanz, Toleranz und Respekt ihrer Situation gegenüber. „Dies kann nur durch mehr Aufklärung sowie einen natürlicheren Umgang mit Schmerzpatienten und deren Einbindung in unserer Gesellschaft erfolgen“, erläutert Gibson.

Jedoch sind die Teilnehmer in diesen Selbsthilfegruppen häufig älter als 50 Jahre. Aber immer mehr junge Menschen leiden unter chronischen Schmerzen. Somit ist das Ziel vor allem junge Menschen (U50) mit chronischen Schmerzen für eine Teilnahme in einer SHG zu bewegen. Interessierte können sich an die Selbsthilfe-Kontaktstelle Frankfurt oder die Deutsche Schmerzliga e.V. wenden:

Selbsthilfe-Kontaktstelle Frankfurt, Telefon: 069 – 55 94 44, service@selbsthilfe-frankfurt.net

Deutsche Schmerzliga e.V., Telefon: 0700 – 375 375 375, info@schmerzliga.de

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